Gefühle und Mindset

Wenn Menschen enttäuschen

Jedes Mal, wenn du von einem Menschen enttäuscht bist, ist das eine schmerzhafte Erfahrung. Eine Erwartung wurde nicht erfüllt und die Realität erwischt dich nun in seiner vollen Wucht. Doch sind Enttäuschungen überhaupt notwendig und inwieweit kannst du dich vor ihnen schützen?

Grafik für eine Frau die enttäuscht von Menschen ist
Niemand ist davon befreit, ab und zu enttäuscht von anderen Menschen zu sein. Foto: iStock/Overearth

Der Mensch als soziales Wesen

Menschen sind von Natur aus soziale Wesen und deshalb gewissermaßen abhängig von ihrem „Stand in der Gruppe”. Die Gruppenzugehörigkeit entsteht durch familiäre Bindungen, soziale Positionen (wie z. B. als Angestellter eines Betriebs), aber auch in Freundschaften und gemeinsamen Interessen. Welchen Gruppen wir angehören hat einen starken Einfluss auf unsere Identität und gibt uns eine Vorstellung, wer wir sind und wo wir hingehören. Umso riskanter und prägender ist es natürlich für uns, dass diese Bindungen und Gruppenbildungen immer wieder durch Enttäuschungen oder Verletzungen gestört werden können. Werden dadurch wichtige Bindungen erschüttert, kann uns das ganz schön zusetzen und viele negative Gefühle hervorrufen.

Enttäuschung: Das passiert im Körper

Wirst du enttäuscht von Menschen, tut das immer weh. Wut, Trauer oder Verzweiflung können direkt damit einhergehen. Da ist es gar nicht verwunderlich, dass Enttäuschungen sogar das neuronale Gleichgewicht Deines Gehirns stark beeinflussen: Der Neurologie zufolge verändern Situationen, in denen uns Menschen enttäuschen, Areale, die auch bei einer Depression betroffen sind. Aus neurochemischer Perspektive ist eine Enttäuschung fast mit einer Frustration gleichzusetzen. Vielleicht hast du für dich auch schon gespürt, dass dieses unangenehme Gefühl der Enttäuschung ziemlich ähnlich ist. Wenn du drei Stunden lang versuchst, dein W-Lan in Gang zu bringen, kann sich das ähnlich anfühlen, wie z. B. eine unerwartete Absage. Kurz vor jeder Enttäuschung tritt dabei eine Art neuronaler „Ruck” auf, bei dem Serotonin, Dopamin und Endorphine plötzlich absacken. Die Moleküle, die dir gute Gefühle vermitteln, verlassen für einen Moment dein Gehirn.

Erwartungen: Unrealistisch oder gerechtfertigt?

Jedes Mal, wenn du von Menschen enttäuscht bist, hattest du zuvor eine Erwartungshaltung. Erwartungen zu haben, ist gut und wichtig. Doch sind sie auch alle gerechtfertigt? Wichtige Fragen, die du dir bei deiner aktuellen oder nächsten Enttäuschung stellen solltest, sind:

  • War der Mensch, der mich enttäuscht hat, wirklich unfair zu mir?

  • Kann mir der andere das Erwartete geben, ohne dass diese Person sich selbst untreu wird oder sich selbst überfordert?

  • Habe ich vielleicht Erwartungen gestellt, die diese Person in ihrer Ist-Situation gar nicht erfüllen kann?

  • War ich vielleicht sogar unfair, indem ich diese Erwartungen gestellt habe?

  • Was kann ich aus dem, was eine Person tut oder nicht tut, lernen?

Das ist gar nicht immer so einfach zu beantworten. Mit etwas Geduld und Übung kannst du aber ein besseres Gefühl dafür bekommen, ob in einer bestimmten Situation jemand nicht fair dir gegenüber war. Vielleicht standen dir auch deine eigenen unrealistischen Erwartungen im Weg. Wichtig ist es, wann immer möglich, mit der Person genau darüber zu sprechen. Meist handeln die Menschen nicht in böser Absicht, sondern sind stets auch von ihren eigenen Unsicherheiten, Unzulänglichkeiten und Ängsten beeinflusst.

Warum enttäuschen uns Menschen so häufig?

Erst einmal ist es wichtig, dass du weißt, dass jeder Mensch Enttäuschungen erlebt und sie ein Bestandteil des Lebens sind. Viele sind gut darin, sie zu kaschieren, aber jeder wird damit konfrontiert und jeder muss letztlich Enttäuschungen überwinden. Ebenso wichtig ist die Tatsache, dass jede Enttäuschung für dich eine wichtige Botschaft hat: Deine persönlichen Erwartung sind schmerzhaft mit der Realität kollidiert. Das tut weh, aber Tatsache ist, dass wir aus schmerzhaften Erfahrungen oft sehr viel lernen. Statt dich also weiter zu fragen, warum, solltest du zum nächsten Schritt übergehen: Was kann ich daraus lernen? Hat jemand meine Erwartung nicht erfüllt, weil er oder sie einfach nicht dazu in der Lage ist oder von der Persönlichkeit her anders tickt? Was kann ich daraus lernen und wie kann ich mit der Situation umgehen, ohne mich weiter an den Schmerz zu klammern?

Wann Verzeihen die beste Lösung ist

Diese Antwort wird dich vielleicht erst einmal überraschen, aber Verzeihen und Vergeben ist IMMER die beste Lösung. Warum das so ist? Wie kann man z. B. jemandem, der einem einen immensen Schmerz zugefügt hat, einfach verzeihen? „Veräppelt” man sich da nicht nur selbst? Das Gegenteil ist der Fall. Denn solange du einer bestimmten Person nicht vergeben kannst, trägt vor allem ein Mensch weiter Zorn, Hass und Enttäuschung mit sich herum – und dieser Mensch bist du! Das bedeutet überhaupt nicht, dass du alles mit du machen lassen sollst. Es ist völlig okay, den anderen für sein Verhalten auch einmal büßen zu lassen und auf Abstand zu gehen oder ihm die Meinung zu sagen. Und es ist auch völlig in Ordnung, dass man – je nach Art der Missetat – vielleicht Jahre braucht, um etwas verzeihen zu können. Aber letztlich solltest du dir immer vor Augen halten, dass jeder Mensch dafür anfällig ist, auf Abwege zu geraten. Es ist immer ein großes Zeichen der Mitmenschlichkeit, wenn du jemandem vergibst – und eine der Grundlagen für ein erfülltes Leben. Schließlich würdest du dir selbst auch bei einem schlimmen Fehler Vergebung wünschen.

Wie denken Menschen, die selten enttäuscht werden?

Wie du ja schon weißt, gehört es zum Leben dazu, von Menschen enttäuscht zu werden. Und doch gewinnen die meisten Menschen im Verlauf des Lebens an Reife und wissen besser einzuordnen, wie Situationen tatsächlich sind. So bewahren sie sich vor so vor weiteren Enttäuschungen. Im Folgenden zeigen wir dir drei Optionen, in denen Menschen anders denken und darum seltener enttäuscht werden:

  1. Sie verstehen, dass Menschen fehlerhaft sind. Mach dir klar, dass die wenigsten Menschen böse Absichten haben und wir alle stark durch Persönlichkeitsstrukturen sowie erlernte Denk- und Verhaltensmuster gesteuert sind. Das macht es dir leichter, dich wie andere zu akzeptieren und zu verstehen, dass Enttäuschungen gewissermaßen vorprogrammiert sind. Auch hilft es dir, besser zu unterscheiden, was gute Absichten sind und womit du tatsächlich rechnen kannst.

  2. Sie beachten Warnsignale. Mit zunehmender Erfahrung bekommt man ein besseres Gespür, wo Enttäuschungen warten. Statt zu sehr auf deine Wunschvorstellungen zu vertrauen, solltest du versuchen, mit Fakten und Anzeichen verantwortungsvoll umzugehen.

  3. Sie lassen frühzeitig los. Die schlimmsten Enttäuschungen, die wir durchmachen, kündigen sich oft vorher an. Im Laufe des Lebens fällt es dir leichter, zu erkennen, ob etwas ein „schlechtes Omen” hat. Menschen, die weniger enttäuscht werden, klammern sich dann nicht an ihre Hoffnung oder Gutgläubigkeit, sondern sind bereit, frühzeitig loszulassen.